Platon Symposion

März 5, 2014

Aphrodite und ErosAphrodite und Eros – Kunsthistorisches Museum Wien

Platon (427 π.Χ. – 347 π.Χ.)
SYMPOSION.
(Convivium)
Das Gastmahl.

Nach der Übersetzung von Franz Susemihl.
in: Platon’s Werke, Stuttgart, 1855,
bearbeitet,
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Quelle http://www.opera-platonis.de/platon.html

[178 St.3 A]
Zuerst also, wie gesagt, erzählte er, habe Phaidros gesprochen und habe seine Rede ungefähr damit begonnen, daß Eros ein großer Gott sei und bewundernswert unter Menschen und Göttern sowohl aus vielen andern Gründen, als auch namentlich wegen seiner Herkunft. Denn daß er zu den ältesten Göttern gehört, sprach Phaidros, [B] gereicht ihm zu einer besondern Ehre. Hierfür dient aber dies zum Beweise: Eltern des Eros gibt es weder, noch werden dergleichen bei irgend einem Schriftsteller in gebundener oder ungebundener Rede erwähnt; sondern Hesiod sagt, zuerst sei das Chaos gewesen,

… aber nach diesem
Ward die gebreitete Erd‘,
ein dauernder Sitz den gesamten Ewigen…
Eros zugleich…

Er sagt also, diese beiden seien zuerst nach dem Chaos entstanden, die Erde und Eros. Parmenides aber schreibt von der zeugenden Urkraft:

Unter allen den Göttern zuerst ersann sie den Eros

Dem Homer stimmt aber auch Akusilaos bei. Von so vielen Seiten her stimmt man darin überein, [C] daß Eros einer der ältesten Götter sei. Als einer der ältesten ist er uns aber zugleich Urheber der höchsten Güter. Denn ich wüßte kein größeres Gut für den Menschen gleich in seiner Jugend zu nennen, als einen edelgesinnten Liebhaber, und wiederum für den Liebhaber seinen Geliebten. Denn was den Menschen, welcher sein Leben schön und würdig zubringen will, durch sein ganzes Leben leiten muß, das vermögen ihm weder Verwandtschaft, noch Ehrenstellen, noch Reichtum, noch irgend etwas anderes in dem Maße zu gewähren wie die Liebe. Was meine ich aber damit? Die Scham vor dem Schimpflichen und [D] das wetteifernde Streben nach dem Würdigen und Schönen, denn ohne diese vermag weder ein Staat noch ein Einzelner Großes und Schönes zu vollbringen. Ich behaupte nun nämlich, daß ein Mann, welcher liebt, wenn er dabei betroffen würde, daß er etwas Schimpfliches täte oder von jemandem erlitte, indem er sich aus Feigheit nicht dagegen verteidigte, keinen so großen Schmerz darüber empfinden würde, von seinem Vater oder seinen Freunden oder von sonst jemandem dabei erblickt zu werden, als von seinem Geliebten. Eben dasselbe sehen wir aber auch bei dem Geliebten, daß er vor allem sich vor seinen Liebhabern schämt, wenn er bei etwas [E] Schimpflichem erblickt wird. Ließe es sich daher ins Werk setzen, einen Staat oder ein Heer aus lauter Liebhabern und Geliebten zu bilden, so ist gar nicht zu denken, wie ein Staat im Innern besser verwaltet werden könnte, als wenn alle seine Bürger sich alles Schimpflichen enthalten und im Wetteifer zum Guten einander überbieten; aber auch im gemeinsamen Kampfe würden die so Verbundenen, selbst in geringer Zahl,   [179 St.3 A]  ich möchte sagen, alle Menschen besiegen. Denn ein liebender Mann würde es gewißlich höher aufnehmen, von seinem Geliebten erblickt zu werden, wie er aus den Reihen wiche oder die Waffen wegwürfe, als von allen übrigen Menschen, und würde einen vielfachen Tod dieser Schande vorziehen. Oder gar den Liebling zu verlassen und ihm nicht beizustehen in der Gefahr; so feige ist kein Mensch, den Eros selbst nicht begeistern sollte zur Tapferkeit, so daß er dem gleichkommt, der der Mutigste von Natur ist, [B] kurz, was Homer sagt, daß ein Gott diesem oder jenem Helden Mut eingehaucht habe, das gewährt Eros den Liebenden allen.

Ja, sogar für einander zu sterben sind die Liebenden, und nur sie, bereit, und zwar nicht bloß Männer, sondern auch Frauen. Hiervon gibt auch die Tochter des Pelias, Alkestis, ein hinreichendes Zeugnis vor allen Hellenen zugunsten meiner Behauptung, indem sie allein für ihren Mann sterben wollte, da er doch Vater und Mutter hatte, welche sie vermöge ihrer Liebe so sehr an Zärtlichkeit überbot, daß sie dadurch jene ihrem Sohne fremd und nur [C] dem Namen nach angehörig erschienen ließ. Und in der Tat schien sie denn auch hiermit nicht bloß den Menschen, sondern auch den Göttern ein so schönes Werk vollbracht zu haben, daß diese, obwohl sie unter den vielen, welche viele rühmliche Taten ausführten, doch nur einer geringen Anzahl die Ehre gewährten, ihre Seele wieder aus dem Hades zu entlassen, trotzdem die ihrige entließen aus Bewunderung ihrer Tat. So ehren auch die Götter den Eifer und die Tüchtigkeit im Dienste der Liebe vor allem. [D] Den Orpheus aber, den Sohn des Oiagros, schickten sie unverrichteter Sachen aus dem Hades zurück, indem sie ihm ein Trugbild seines Weibes zeigten, um deretwillen er kam, sie selbst ihm aber nicht gaben, weil es schien, als habe er sich weichlich gezeigt, denn er war ja ein Zitherspieler, und nicht den Mut gehabt, für seine Liebe zu sterben wie Alkestis, sondern es nur zu veranstalten gesucht, lebend in den Hades zu kommen. Dafür bestraften sie ihn denn auch [E] und ließen ihn den Tod durch Weiberhand finden, wogegen sie wiederum den Achilleus, den Sohn der Thetis, hoch ehrten und ihn auf die Inseln der Seligen versetzten, weil er trotz der Belehrung seiner Mutter, daß er sterben müsse, wenn er den Hektor tötete, während er nach der Heimat zurückkehren und ein hohes Alter erreichen würde, wenn er ihn nicht tötete, dennoch es kühnlich vorzog, als Helfer und Rächer seines Liebhabers Patroklos nicht etwa bloß für ihn zu sterben,  [180 St.3 A]  sondern sogar dem Toten in den Tod zu folgen. Deshalb bewunderten die Götter ihn ganz besonders und ehrten ihn vor allen, weil er seinen Liebhaber so hoch achtete. Aischylos aber faselt, wenn er den Achilleus zum Liebhaber des Patroklos macht, da doch der erstere viel schöner war nicht allein als Patroklos, sondern auch als alle anderen Helden, auch noch bartlos, dazu auch viel jünger, wie Homer bezeugt. In der Tat nämlich ehren die Götter zwar überhaupt eine solche Tugend im Dienste der Liebe aufs höchste, [B] noch höher jedoch bewundern und erheben und belohnen sie es, wenn der Geliebte dem Liebenden, als wenn der Liebende dem Geliebten sich anhänglich erweist. Denn der Liebhaber ist göttlicherer Art als der Liebling, denn er ist der Gottbegeisterte. Darum ehrten sie auch den Achilleus höher als die Alkestis, indem sie ihn auf die Inseln der Seligen versetzten. So behaupte ich denn also, daß Eros unter den Göttern der älteste und ehrwürdigste und am meisten imstande sei, den Menschen zur Erwerbung der Tugend und Glückseligkeit [C] zu verhelfen im Leben und im Tode.

So ungefähr, erzählte Aristodemos, habe die Rede des Phaidros gelautet; nach Phaidros aber seien einige andere Reden gefolgt, deren er sich nicht mehr genau erinnerte; mit Übergehung von ihnen teilte er mir daher die des Pausanias mit. Dieser habe nämlich folgendermaßen gesprochen:

Nicht richtig ist uns, wie mich dünkt, lieber Phaidros, so schlechthin die Aufgabe gestellt worden, den Eros zu preisen. Denn wenn es nur einen Eros gäbe, dann wäre dies freilich ganz in der Ordnung, nun aber gibt es doch nicht bloß einen. Wenn dies aber der Fall ist, [D] dann ist es richtiger, zuvor zu bestimmen, welchen man loben soll. Diesem Mangel werde ich daher abzuhelfen suchen; ich werde zuerst sagen, welchen man loben muß, und ihn sodann auf eine Weise loben, wie sie des Gottes würdig ist. Wir alle nämlich wissen, daß es ohne Eros keine Aphrodite gibt. Gäbe es daher nur eine Aphrodite, so würde auch Eros nur einer sein, nun gibt es aber deren ja zwei: folglich muß es notwendig auch zwei Eros geben. [E] Wie sollte es nämlich nicht zwei solcher Göttinnen geben? Die eine ist ja die ältere und mutterlose, die Tochter des Uranos, welche wir deshalb bekanntlich auch die »himmlische« nennen; die jüngere aber ist die Tochter des Zeus und der Dione, welche wir ja als die »irdische« bezeichnen. Notwendigerweise muß nun danach der Eros, welcher der Gehilfe der letzteren ist, auch der »irdische« heißen, der andere aber der »himmlische«. Freilich sind nun wohl alle Götter zu preisen. Welche Aufgabe aber jedem von beiden zuteil geworden ist, will ich auszusprechen versuchen.

Mit jeder Handlung verhält es sich folgendermaßen:   [181 St.3 A]  keine ist an sich selbst schön oder verwerflich. So zum Beispiel was wir jetzt tun, trinken oder singen oder uns unterhalten, nichts von dem allen ist, an sich betrachtet, etwas Gutes und Schönes, sondern es wird dazu erst durch die Art der Ausführung; auf schöne und richtige Weise ausgeführt, wird es zu etwas Schönem, im Gegenteil aber zu etwas Verwerflichem. So ist es denn auch mit dem Lieben, und nicht jeder Eros ist edel und einer Lobrede würdig, sondern nur der, welcher uns antreibt, auf eine schöne Weise zu lieben.

Der Sohn der irdischen Aphrodite nun ist auch in Wahrheit irdisch, [B] und es kommt ihm nicht darauf an, was er wirkt, und er ist es, in dessen Sinne die niedrigdenkenden Menschen lieben. Es lieben nämlich solche zunächst ebenso gut Weiber als Knaben, sodann aber an denen, welche sie gerade lieben, mehr den Körper als die Seele; ferner lieben sie die möglichst Unverständigen, indem sie nur darauf sehen, zu ihrem Ziele zu gelangen, unbekümmert darum, ob auf eine edle Weise oder nicht. Daher begegnet es ihnen denn auch, hierin zu handeln, wie es sich gerade trifft, [C] bald gut und bald umgekehrt. Es stammt ja dieser Eros auch von der Göttin her, welche viel jünger ist als die andere und in ihrer Abkunft sowohl am Weiblichen als am Männlichen teilhat. Der andere aber stammt von der himmlischen, die erstens nicht teil hat am Weiblichen, sondern nur am Männlichen, und von ihm stammt daher auch die Knabenliebe, sodann auch die ältere und jeder Ausgelassenheit fremde. [D] Deshalb wenden sich denn auch die von diesem Eros Beseelten dem männlichen Geschlechte zu, indem sie das von Natur Kräftigere und Verständigere lieben. Und man kann auch bei der Knabenliebe selbst leicht die rein von diesem Eros Getriebenen unterscheiden; denn sie lieben nicht Kinder, sondern erst die, welche schon zu Verstande kommen; dies fällt aber ungefähr mit der Zeit des ersten Bartwuchses zusammen. Es sind nämlich diejenigen, welche von diesem Zeitpunkte ab zu lieben beginnen, wie ich meine, dazu entschlossen, mit ihrem Geliebten für das ganze Leben vereinigt zu bleiben und dasselbe gemeinsam mit ihm zu verbringen und nicht trügerisch seine unverständige Jugend zu überrumpeln und ihn dann hinterher zu verlachen und in die Arme eines andern zu entfliehen. Es müßte daher auch Gesetz sein, [E] keine unreifen Knaben zu lieben, damit nicht so viel Mühe aufs Ungewisse hin vergeudet würde, denn bei den Kindern ist es noch ungewiß, wohin ihre weitere Entwicklung an Seele und Körper im Guten oder Schlimmen zuletzt ausschlagen wird. Die Edelgearteten nun legen sich zwar selber freiwillig dieses Gesetz auf, man müßte aber auch den sinnlichen Liebhabern dasselbe aufzwingen, so wie wir sie ja auch nach Kräften zwingen, sich mit ihrer Liebe von freigeborenen Frauen ferne zu halten.  [182 St.3 A]  Denn diese sind es auch, welche jene Schande über die Knabenliebe gebracht haben, daß man es hat wagen können, zu behaupten, es sei schimpflich, seinen Liebhabern zu Willen zu sein. Man behauptet dies nämlich nur im Hinblick auf diese und ihr ungehöriges und unredliches Verfahren, da doch wohl keine Handlung, wenn sie auf eine anständige und rechtliche Weise ausgeführt wird, mit Recht einen Tadel verdienen dürfte.

So ist auch die in bezug auf die Liebe herrschende Sitte in andern Staaten leicht zu begreifen; denn ihre Bestimmungen sind nur einfach; hier aber und in Lakedaimon sind sie verwickelt. [B] In Elis nämlich und bei den Boiotern und überhaupt da, wo die Leute nicht gewandt im Reden sind, da hat es die Sitte einfach festgestellt, es sei schön, seinen Liebhabern zu Willen zu sein, und keiner, weder jung noch alt, dürfte es dort für schimpflich erklären, damit sie, denke ich, bei ihrem Unvermögen zum Reden sich nicht erst die Mühe zu machen brauchen, die Jünglinge zu überreden. In Ionien dagegen und an vielen anderen Orten, soweit die Herrschaft der Barbaren reicht, gilt es für schimpflich. Denn die Barbaren halten dies infolge der unumschränkten Gewalt, mit der sie beherrscht werden, für schimpflich, und ebenso das Streben nach [C] Ausbildung des Geistes und Körpers. Denn den Herrschern, sollte ich denken, gereicht es nicht zum Nutzen, wenn höhere Einsicht und feste Freundschaften und Verbindungen unter den Beherrschten entstehen, was vor allen andern Dingen die Liebe hervorzurufen pflegt. Das haben durch die Tat auch unsere einheimischen Gewaltherrscher erfahren, denn die Liebe des Aristogeiton und die zur festen Freundschaft gewordene Gegenliebe des Harmodios stürzten ihre Herrschaft. Wo es daher die Satzung als schimpflich festgestellt hat, [D] dem Liebhaber zu Willen zu sein, da liegt dies an der niedrigen Gesinnung derer, bei denen sie es festgestellt hat, nämlich an dem Eigennutz der Herrscher und der Feigheit der Beherrschten, wo es aber ganz einfach für löblich erklärt wird, da liegt es an ihrer Geistesträgheit. Unsere hiesige Sitte ist dagegen viel schöner, nur, wie gesagt, nicht leicht zu verstehen.

[E] Denn man erwäge nur, daß es für schöner gehalten wird, öffentlich zu lieben als heimlich, und zwar vorzüglich die Edelsten und Besten, wenn sie auch viel häßlicher sind als die anderen, und daß ferner dem Liebhaber eine ganz ungemeine Aufmunterung von allen zuteil wird, gar nicht als ob er etwas Schändliches tue, und daß es für schön gilt, den Geliebten für sich zu gewinnen, und für schimpflich, ihn nicht zu gewinnen, und daß die Sitte dem Liebhaber verstattet hat, zur Erreichung dieses Zweckes unter allgemeiner Billigung wunderliche Dinge zu begehen, die, wenn jemand sie bei der Verfolgung und Ausführung  [183 St.3 A]  irgend eines anderen Zweckes in Anwendung bringen wollte, die größten Vorwürfe ernten würden, denn wenn er, um Geld von jemandem zu erlangen oder Ehrenstellen oder sonstigen Einfluß, dergleichen tun wollte wie die Liebhaber gegen ihre Geliebten, demütige und flehentliche Bitten an sie zu richten, ihnen Eide zu schwören, des Nachts vor ihren Türen zu liegen und zu jedem sklavischen Dienste, wie kein wirklicher Sklave, bereit zu sein, so würde er von Freunden und Feinden [B] hiervon zurückgehalten werden, indem diese ihm Kriecherei und knechtische Gesinnung vorwerfen, jene aber ihn zurechtweisen und sich in seine Seele hinein schämen würden, dem Liebenden aber steht dies alles wohl an, und es wird ihm von der Sitte zugestanden, dies ohne Schande zu tun, wegen der Herrlichkeit des Zieles, welches er dadurch zu erreichen sucht; was aber das Stärkste ist, so sind, [C] wie man wenigstens insgemein behauptet, seine Eidschwüre die einzigen, deren Übertretung sogar von den Göttern verziehen wird, denn ein Liebesschwur, sagt man, sei gar keiner; so haben die Götter und Menschen dem Liebenden alle mögliche Freiheit gestattet, wie unsere hiesige Sitte besagt. Nach dieser Seite hin möchte man demnach glauben, daß es für schön in unserer Stadt gelte, zu lieben und den Liebhabern sich zu befreunden. [D] Sofern aber die Väter durch die Erzieher, welche sie Ihren Knaben geben, es verhindern, daß ihre Liebhaber mit ihnen ein Gespräch anknüpfen, indem es dem Erzieher zur Pflicht gemacht ist, hierauf zu sehen, sofern überdies ihre Altersgenossen und Freunde sie schmähen, wenn sie sehen, daß dennoch so etwas vorkommt, und die Älteren diese hieran nicht hindern noch ihnen vorhalten daß sie mit Unrecht tadelten, wenn jemand dies andererseits ins Auge faßt, dann möchte er wiederum glauben, daß dergleichen hier für das Allerschändlichste gälte.

Es verhält sich nun aber, denke ich, hiermit so: Auch dies ist, wie ich schon anfänglich bemerkte, einfach, an sich betrachtet, durchaus weder schön noch schändlich, sondern auf eine schöne Weise ausgeführt, ist es schön, [E] im Gegenteil aber schändlich. Auf eine schimpfliche Weise geschieht dies nun aber, wenn man einem Schlechten und auf eine schlechte Art zu Willen ist, auf eine schöne Weise dagegen, wenn einem Edelgesinnten und auf schöne Art. Schlecht aber ist jener sinnliche Liebhaber, welcher den Körper mehr als die Seele liebt. Denn ein solcher ist auch nicht beständig, da er ja auch nicht etwas Beständiges liebt; denn zugleich mit dem Hinschwinden der Blüte des Leibes, welche er liebte, eilt auch er von dannen und macht alle seine Reden und Verheißungen zuschanden. Der Liebhaber eines edelgearteten Gemütes aber verharrt zeitlebens, da er sich ja mit dem Bleibenden verschmolzen hat.  [184 St.3 A]  Unsere Sitte nun will, daß man hiernach die Liebhaber wohl und reiflich prüfe und nur denen der ersteren Art zu Willen ist, die der letzteren aber meide. Darum ermuntert sie die Liebhaber zum Verfolgen, die Geliebten aber zum Fliehen, indem sie so im Kampfe richtet und erprobt, zu welcher von beiden Gattungen der Liebende sowie der Geliebte gehören. [B] So wird es denn aus diesem Grund zuvörderst für schimpflich gehalten, sich schnell zu ergeben, damit es nicht an Zeit fehle, welche ja am besten das meiste erproben soll. Ferner gilt es für schimpflich, sich für Geld oder aus Rücksicht auf den Einfluß im Staate zu ergeben, gleichviel ob man nun dabei aus Furcht vor Gewalttätigkeiten sich beugen und mutigen Widerstand aufgeben oder aber im Hinblick auf Wohltaten an Geld oder in der Unterstützung seiner politischen Absichten nicht widerstreben möge. Denn nichts von diesem allem kann als sicher und bleibend angesehen werden, abgesehen davon, daß hieraus nicht einmal eine hochherzige Freundschaft entstehen kann. So bleibt denn nach unserer Sitte nur ein Weg, wenn der Liebling auf eine schöne Weise dem Liebhaber [C] zu Willen zu sein gedenkt. Wie es nämlich bei den Liebhabern nicht für Kriecherei und Schmach galt, den Lieblingen jeglichen Sklavendienst freiwillig zu erweisen, so bleibt nach unserer Sitte nur noch eine einzige andere Sklaverei übrig, welche keine Schande bringt, und dies ist die um der Tugend willen.

Es herrscht nämlich bei uns die Ansicht, wenn jemand einem andern dienen will, weil er durch ihn in der Weisheit oder irgend einem andern Stücke der Tugend fortschreiten zu können glaubt, [D] daß diese freiwillige Dienstbarkeit nicht schimpflich und keine Kriecherei ist. Diese beiden in der Sitte begründeten Ansichten, die über die Knabenliebe und die über die Philosophie und sonstige Tüchtigkeit, muß man daher in eins zusammenbringen, wenn die Willfährigkeit des Geliebten gegen seinen Liebhaber als etwas Löbliches erscheinen soll. Wenn nämlich Liebhaber und Liebling beide einander mit der gleichen Ansicht entgegenkommen, jener, man leiste den Lieblingen, die einem zu Willen sind, jeglichen Dienst, den man ihnen gewähre, mit Recht, und dieser, daß man dem, welcher uns weise und tugendhaft macht, zu jeder möglichen Willfährigkeit verpflichtet sei, [E] und zwar so, daß dabei jener wirklich vermag, zur Weisheit und sonstigen Tugend beizutragen, dieser aber auch wirklich in Beziehung auf Bildung und Weisheit zu gewinnen begehrt; wenn also dergestalt diese beiden Seiten der Sitte in eins zusammentreffen, dann allein tritt der Fall ein, in welchem es löblich für den Geliebten ist, seinem Liebhaber zu Willen zu sein, sonst aber nimmer. Bei einer solchen Absicht ist es auch nicht einmal etwas Schimpfliches, getäuscht zu werden; bei jeder andern aber hat man Schande davon, mag man nun getäuscht werden oder nicht. Wenn zum Beispiel  [185 St.3 A]  jemand seinem Liebhaber, weil er ihn für reich hält, des Reichtums wegen zu Willen ist und sich dann hinterher getäuscht sieht und kein Geld bekommt, weil der Liebhaber sich als arm erweist, so mindert diese Täuschung die Schande nicht, denn ein solcher scheint, soviel an ihm selbst liegt, zu erkennen zu geben, daß er für Geld dem ersten besten sich zu jedem beliebigen Dienste hergeben würde; dies aber ist nicht schön. Aus demselben Grunde ist dagegen, wenn jemand seinem Liebhaber zu Willen ist, weil er ihn für gut hält und selber durch die Freundschaft mit ihm besser zu werden hofft, [B] und sich dann dabei getäuscht sieht, indem sich zeigt, daß jener schlecht ist und keine Tugend besitzt, dennoch diese Täuschung ehrenvoll, denn es scheint wiederum auch dieser für seinen Teil offenbart zu haben, daß er der Tugend wegen und um besser zu werden einem jeden zu jedem bereit wäre; dies ist aber wiederum das Schönste von allem. So ist es denn in jedem Falle schön, der Tugend wegen sich zu ergeben. Dies ist die Liebe, welche von der himmlischen Göttin stammt und selbst himmlisch und von hohem Werte für den Staat wie für den Einzelnen ist, indem sie den Liebenden zwingt, [C] viel Sorgfalt auf seine eigene Tugend zu verwenden, und ebenso den Geliebten; alle andern Arten der Liebe aber entspringen von der anderen Göttin, der irdischen. Dies, lieber Phaidros, ist es, was ich dir aus dem Stegreife über den Eros zu bieten habe.

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