Friederike Mayröcker im Portrait (2014) »Wilder, nicht milder«Friederike Mayröcker Portrait »Wilder, nicht milder« Buch und Regie Katja Gasser

5.1.13 »anthem anthem da war ich von Trauer überschattet, kuschelten in Berlin und nämlich schmachteten. Lesebändchen im neuen Kalender : Kuhschellen im Gebirge wie die Zahnradbahn auf den Gipfel des Schneebergs, ich meine auf dem Küchenboden das vertrocknete (trauernde) Rosenblatt dotterfarben mit rosa Rand fast wie Äpfelchen, Muschelform . . .. . .. . »wenn die Sonne pranget« der Herr läszt`s singen in den Zweigen, den KINKS gelauscht: dieser Jupiter Jubel im GRAMMO. In einem nu, sage ich, Fittiche der Berge weinte des nachts      »schreib auf was du gesehen hast : was ist und was danach      geschehen wird : der Himmel hat sich zurückgezog'n wie 1      Buchrolle die man zusammengerollt, usw.«      »die mir die Welt erklärt die Hand die ich ergreife ........« bist 1 Träumer, nicht wahr, Lianen Schilf oder Lanze: hervorsingend aus zerbrochenem Fischleib, kl.Plastikwanne mit Zitzen. Dies war die Ekstase : der Winter ist doch so ewig beinahe 1 Jahr usw., und sinnend wie Wolken zieh'n. Wie damals die Feldlerche (»allhier«) oder der Rest des Rembrandt (JD), ach schreib mir was du siehst in einem Buch usw., er pflanzte mir Küsse auf meinen Mantel tatsächlich waren es Küsse auf meinen Leib : höre ich seine Stimme blühen, wie Anemonen. Unser Winterquartier da wir das Café Sperl betraten und Valérie B. uns silbern, entgegenschwirrte ........ ach Haydn's, ich war noch klein, heute langer Spaziergang mit MAMA, »alles wäre schöner gewesen«, so MAMA, »wärest du dabeigewesen« ........ ich meine damals als wir in der Berliner Sarrazinstrasze wohnten, hing Marianne's weiszes Hemd über dem Weidenkorb, weiszt du, was die struppigen Vorgärten (= Patrouillen) anging schwebte der Honig Mond über Berlin. Kuhschellen über Berlin, Marianne's weiszes Hemd über dem Weidenkorb am Morgen als habe sie diesen Stern verlassen. Goldammer, mir zu Füszen, Träne quillt, Blaumeises Flügel wie Eiskristalle, eingewachsen, mit süchtigem Auge ........ ach Rotkehlchen ach Zungenherz. Ach meine verblaszten Gedächtnisse, und zum eingespannten Blatt in der Maschine auf Zehenspitzen trippelnd wie zum Liebsten. am frühen Morgen um weiterzuphantasieren (meine VERBLASENEN Gedächtnisse) ach Groszmutter streichelte mich : ich war noch klein : legte ihre Hand auf meinen Handrücken und ich sagte, wie warm deine Hand ist ........ nämlich der Feenspuk usw. Was diese Skabiose betrifft, sage ich, Mutters Lieblingsblume, Schmuckstück der Wiese nicht wahr (kann nichts für mich behalten plaudere alles aus. Rosenbüsche galoppierten an der röm.Sonne vorbei usw.), die Hofmanns, weiszt du, während das jüngere Veilchen = Töchterchen. Auf dem Foto, mit Seidenband in den Haaren : fieberte Vorfrühling auf dem Foto : Curriculum der Sprache, weiszt du ........ (Krepp aus China, liebte ihn bis zum Wahnsinn usw.)«  7.1.13 »dasz mir Gegenstände aus der Hand (fallen) als ob der Erdboden sie angezogen ........ natürlich schmeichelte, die Farbe grün dem Auge, sage ich, am Wienflusz die schreienden flaggenden Möwen wie damals am Pier von Triest : unvergessen am frühen Morgen als noch der Leuchtturm am jenseitigen Ufer im Osten unvergeszlich weiszt du, Triest, 2 Tage, das Meer umspülte die bloszen Füsze, allein, fast noch Nacht damals. unvergeszlich Triest (trist? nein! hohen Mutes, weiszt du, in welchem Leben war das, Triest die steilen Kandelaber an welchen ich mich festhielt dasz das Meer mich nicht hinausschwemme, -zerre, -flenne : ich war allein ich war noch jung was hatte ich vor damals in Triest, ich meine das Meer die hohen Laternen am Strand und wie die Wellen meine bloszen Füsze. Morgens bei verblutendem Horizont das rotierende Licht des Leuchlturms ....... wie lange war ich dort gestanden am Strand oder gekauert die halbe Nacht)      »HÄSIN« wie Elke Erb dichtete, immer dieses Schicksal über      dem Haupt, mein liebes Lamm meine verblassende Welt,      weinte vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang usw.,      dieser unvergleichliche Ort an welchem ich , erschauert'e,      dasz es mit den Augen den Funsen den zackigen Haaren ........          so Samuel Rachl, Herz Jesu auf dem display     also mich keuchend zurücklassen wird, nämlich bis zum Wahnsinn dich liebend. Ins DOMMAYER gegangen, nach der Untersuchung des Herzens ich meine Schattens, weiszt du. Und du dich erinnertest an die nämlichen Ereignisse so dasz wir beide die nämlichen Erinnerungen besaszen, wenn ich dich z.B. frage erinnerst du dich damals im DOMMAYER vor vielen jahren und wir drauszen saszen unter den lispelnden Blättchen ich meine Wäldchen und du sogleich rufend, ja ich erinnere mich, damals im DOMMAYER unter den lispelnden Blättchen durch welche das Blau des Himmels sickerte usw. also eingelullt der Küstenstreifen = Triest, mit Weihrauch, sage ich.                         Alle Plüschtiere,                                                    wie im Himmel,                                                                           ........«Friederike Mayröcker »Cahier« 2014

Musik Ryuichi Sakamoto – Merry Christmas Mr. Lawrence (Piano)